Ich will so gerne anders sein

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Herbert Kranz
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus August 2014                         www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 189 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7807-9
  • ab 7 Jahren
    9783825178079_10922.png Ich will so gerne anders sein

ZAUBERHAFTE  NACHHILFE  

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein kleiner Junge namens Robert sitzt an seinen Rechenhausaufgaben und müht sich vergeblich damit ab, das Einmaleins mit der Sieben aufzuschreiben. Überhaupt ist die Schule ein schwieriger und eher unerfreulicher Ort für ihn. Weil er die Frage, was denn einmal aus ihm werden solle, immer damit beantwortet, daß er anders werden will, nennen ihn schließlich alle »Anders«.

Im Frisörsalon seines Vaters schnappt er zufällig die Bemerkung eines Kunden auf, der Frau Buhl, eine heilkundige alte Frau, die am Dorfrande wohnt, abfällig als zauberkundige Hexe bezeichnet. Anders schöpft Hoffnung und bittet Frau Buhl schüchtern, aber sehr präzise, ob sie ihn „anders“ zaubern könne: „Ich möchte eben anders werden, als ich bin. Ich möchte keine Brille mehr tragen müssen. Ich möchte groß und stark sein. Und alles, was ich lernen muss, das möchte ich ganz leicht und fest im Kopf behalten.“ (Seite 8)

Die freundliche Frau Buhl erwidert, daß er sich für einen solchen Zauber an den Großen Zauberer wenden müsse. Er solle nachts am offenen Fenster bei Vollmondlicht das Einmaleins mit der Sieben aufsagen, und wenn ihm dies fehlerfrei gelänge, wäre ihm die Hilfe des Großen Zauberers gewiß.

Hochmotiviert übt Anders den ganzen Nachmittag.In der Nacht öffnet er sein Fenster und sagt dem Vollmond das Einmaleins mit der Sieben auf. Allerdings macht er schon bei zweimal sieben den ersten Fehler, und nach dem vierten Fehler hört er ein leises Lachen und sieht auf seiner Fensterbank ein weißgekleidetes, kleines Mädchen sitzen.

Das Mädchen heißt Federchen, weil sie so federleicht ist und mit dem Wind fliegen kann. Sie bietet Anders an, ihm das Einmaleins mit der Sieben beizubringen. Federchen sagt einmal „Huiii!“, und schon fliegt er mit ihr davon. Anders landet auf einer Wiese, und er ist plötzlich winzig klein und ganz allein, denn Federchen ist schon wieder weitergeweht worden.

Auf seinem Weg trifft er eine Waldameise, die ihn zum Ameisenhaufen bringt und dort sogleich in die Ameisenschule verfrachtet, weil er offenbar noch viel zu lernen hat. Mit dem Ameisenlehrstoff ist Anders natürlich völlig überfordert, aber angesichts einer Belagerung des Ameisenhaufens hat er eine raffinierte Idee zur Verteidigung und bekommt sogar eine Audienz bei der Ameisenkönigin.

Federchen kommt zurück und nimmt ihn fliegeflugs mit zu einer Mohnblüte. Dort bündelt er zusammen mit Brommel, einem freundlichen Hummelmann, die Staubgefäße zu Viererbündeln und lernt ganz anschaulich, daß vier mal sieben achtundzwanzig ergibt.

Anders trifft noch verschiedene andere Insekten, er wird von grünen Raupen eingewickelt, sieht einen Schmetterling aus seinem Kokon schlüpfen, wird von drei altjüngferlichen Schneckendamen unterrichtet, überlistet eine Spinne und singt einer Grille Lieder vor.

Er ist eine ganze Weile alleine unterwegs, während Federchen nach ihm sucht, und er ist viel tapferer und lebensklüger, als er je von sich gedacht hätte. Beiläufig ergeben sich auch immer wieder Gelegenheiten, die nächste Stufe des Einmaleins mit der Sieben durch Erfahrung zu lernen.

Beim Sommerabschieds-Konzert der Insekten, zu dem ihn die Grille, der er vorgesungen hat, mitnimmt, trifft er endlich wieder auf Federchen. Nun machen sie sich gemeinsam auf den weiteren Weg zum Großen Zauberer. Anders muß nur noch neun mal sieben lernen, denn zehn mal sieben kann er schon. Doch der Winter macht den beiden buchstäblich einen eisigen Strich durch die Rechnung.

Wieder werden sie getrennt, wieder findet Anders Zuflucht im Ameisenhaufen. Dort befindet sich ein Abschiedsbrief von Federchen, die ihm u.a. das Ergebnis von neun mal sieben vorsagt bzw. schreibt. Doch weil sie ihm vorgesagt hat, muß sie zur Strafe für immer in eine Feder bleiben. Anders hält traurig die Daunenfeder fest, in deren Gestalt das Mädchen nun gefangen ist.

Schließlich trägt ihn der Wind wieder zurück zu seiner Fensterbank, und hier sagt Anders endlich einwandfrei das Einmaleins mit der Sieben auf. Als der Große Zauberer erscheint, wünscht Anders sich nicht mehr, anders zu sein, sondern er wünscht sich von ganzem Herzen, daß Federchen in ihre Mädchengestalt zurückverwandelt wird.

Die Bitte wird ihm gewährt, und natürlich ist Anders durch seine kleine Heldenreise sowieso irgendwie anders geworden…

Paul Biegel ist ein Autor, der Kinder ernst nimmt und der noch genau weiß, wie sich ein Kind als Kind fühlt. Er erschließt Kindern einen Spielraum phantasievoller Schicksalserprobung, in dem leichte und schwere, dunkle und helle, einfache und komplexe Aspekte des Daseins erscheinen. Seine Geschichten sind ein Füllhorn witziger Weisheit, nachdenklicher Verspieltheit und augenzwinkernder Beziehungspsychologie.

Paul Biegel serviert Kindern keine leichte, seichte Süßkost, sondern eigenwillige, elementare, unergründliche und vielschichtige Lebensgeschmacksvielfalt.

Die Illustratorin Linde Faas findet eine märchenhaft-atmosphärische und facettenreiche Bilder- und Farbsprache, die sich dem Text und dem Erzählverlauf – je nach Bedarf – dramatisch, humorvoll, melancholisch, sensibel, spannend, warmherzig und zauberhaft anschmiegt.

Zum Ausklang möge das folgende Zitat die geistige Weite des besprochenen Kinderbuches andeuten:

» „Höre zu, Zweibein“, sagte sie, „der Verstand ist ein großes Netz mit viereckigen Maschen. Wir werfen es aus, um das Leben zu fangen, aber das Leben ist wie Wasser und nicht zu fassen. Alles, was wir erwischen sind Zahlen, und mit diesen Zahlen messen wir alles. Wir sagen: Messen ist Wissen, und wir messen alles. Aber in unserer Schule lernst du: Messen ist Vergessen. Merke dir den Reim:

Wisst: Wer nur zählt und misst,
der vergisst, dass Leben wie Wasser ist
.“ «   (Seite 97)

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung

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3 Kommentare zu “Ich will so gerne anders sein

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