Die Schatzinsel

  • von Robert Louis Stevenson
  • Hörspiel
  • Hörspielbearbeitung: Heinz-Dieter Sommer
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Musik: Henrik Albrecht
  • Produktion: Hessischer Rundfunk 2014
  • erschienen im Hörverlag, Oktober 2014               http://www.hoerverlag.de
  • 4 CDs
  • Laufzeit ca. 3 Stunden und 59 Minuten
  • 19,95 €
  • ISBN 978-3-8445-1591-6
  • Buchvorlage HANSER Verlag: Übersetzung & Herausgabe von Andreas Nohl
  • Die Rollen und ihre Sprecher:
  • Jim Hawkins: Maximilian von der Groeben       Long John Silver: Udo Wachtveitl
  • Dr. David Livesey: Sylvester Groth                  Squire John Trelawney: Gerd Wameling
  • Käptn Billy Bones: Thomas Fritsch                       Kapitän Smollett: Ulrich Pleitgen
  • Israel Hands: Wolf-Dietrich Sprenger                    Stevenson: Ulrich Noethen
  • Ben  Gunn: Matthias Habich                                       Papagei: Dirk Leonhard
    u.v.a.
    Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson

D O N N E R K I E L

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ach, die alten Vertrauten meiner kindlichen Abenteuerlust und Phantasie, hier sind sie endlich wieder: Jim Hawkins, Long John Silver, Dr. David Livesey, Squire John Trelawney, Ben Gunn u.v.a.m.

Unzählige Male habe ich als Kind der Schatzinsel gelauscht und nachgeträumt. Damals gab es die EURPOA-Schallplatten, die in ihrer Kinderserie Märchen und klassische Abenteuergeschichten als Hörspiele inszenierten – oft mit dem unübertroffenen Hans Paetsch als tragende Rolle oder Hintergrunderzähler und stets mit dramatischer Musik, gespielt vom EUROPA-Studioorchester.

Ich finde es überaus erfreulich, daß immer wieder „erwachsene“ Versionen alter Klassiker als Hörspiel produziert werden. So läßt man sich – auf der Erinnerungsgrundlage der kindlichen Begeisterung, ergänzt um den erwachsenen Erfahrungshorizont – wunderbar behaglich mit Abenteuern verwöhnen.

Die vorliegende Hörspielinszenierung hat meine Erwartung wahrlich noch übertroffen. Die Rollenbesetzungsliste ließ mich bereits frohlocken, doch die „ganzheitliche Darreichungsform“ dieses Hörspiels hat mir ganz und gar und prächtig gefallen.

Die plakative Aussage auf der Rückseite der CD-Hülle: »SO haben Sie die SCHATZINSEL noch NIE gehört!« kann ich nur unterschreiben. Denn es kommt nicht nur die Romanhandlung zu Wort, sondern auch die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel.

Neben einer virtuos-atmosphärischen musikalischen Untermalung und Begleitung wurden auch einige Lieder hinzugefügt und eingesungen, die stilistisch wunderbar mit der Schatzinselstimmung und der schillernden Figur des Long John Silver harmonieren. Überhaupt geben die hier und da wiederholt einfließenden Lieder oder auch auch nur Lied- und Melodiefetzen der ganzen Geschichte zusätzlichen, sehr attraktiven Schwung.

Die überaus geschickt in den Handlungsverlauf eingeschobenen Ausflüge in die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel erweitern die Abenteuergeschichte um den zwischenmenschlich-literarischen Hintergrund Robert Louis Stevensons.

Ich fand es hochinteressant, zu erfahren, daß Stevenson die Inspiration zur Schatzinsel durch eine Schatzkarte bekam, die sein kleiner Stiefsohn gezeichnet hatte. Zunächst spielerisch begann er, Figuren in diese Karte hineinzudichten und dem Stiefsohn dazu eine Seeräubergeschichte zu erzählen. Schließlich – wie es oft bei phantasievollen Schriftstellern der Fall ist – verselbständigten sich die ausgedachten Charaktere und schrieben sich beinahe von selbst.

Auch ein metafiktives Gespräch zwischen den literarischen Charakteren Long John Silver und Kapitän Smollett über die unterschiedliche Attraktivität von Schurken und Helden hat viel selbstironischen Reiz. Ich fand es spaßig, wie die beiden Figuren beim Geräusch des Tintenfaßaufschraubens eifrig wieder an ihre Buchposition eilen.

Ausnahmslos alle beteiligten Sprechspieler verstimmlichen ihre jeweilige Rolle lebhaft und mit überzeugender InsPIRATion und, wie mir scheint, auch mit viel Spielgenuß. Es ist bewundernswert, wie es ihnen gelingt, nur durch das Medium der Stimme soviel Lebensstoff zu vermitteln.

Als Zugabe folgt im Anschluß an das Hörspiel noch ein – von Hans Sarkowicz moderiertes – Gespräch mit dem Hörspiel-Autor Heinz-Dieter Sommer, dem Regisseur Leonhard Koppelmann und dem Komponisten Henrik Albrecht. Dieser Werkstattbericht gewährt einen spannend-reflektierenden Einblick in die Produktions- und Gestaltungsbedingungen eines solchen Hörkunstwerkes.

Die 4 CDs nebst Textheftchen mit Hintergrundinformationen sind in einer Papphülle untergebracht, und eine Schatzkarte bekommen wir natürlich auch noch dazu.

Nun fällt mir gerade auf, daß ich bei meiner Besprechung die inhaltliche Kenntnis der Schatzinselgeschichte einfach vorausgesetzt habe. Doch um dem Klassiker die gebührende Ehre zu geben, folgt nun eine sehr geraffte Zusammenfassung:

Der junge Held ist der siebzehnjährige Jim Hawkins, und er ist auch der Erzähler des ganzen Abenteuers. Dieses Abenteuer beginnt mit dem Einzug eines geheimnisvollen Seemannes unbestimmbarer Herkunft in die Matrosenschänke von Jim Hawkins Vater. Der neue Gast ist bärbeißig und ebenso jähzornig wie rumsüchtig, er will mit Käptn angeredet werden, und er singt oft das berüchtigte Lied von den „Fünfzehn Mann auf des Totenmannes Kiste –jo-ho-ho-jo, und `ne Buddel voll Rum!“ Außerdem fürchtet er sich sehr vor einem einbeinigen Seemann und zahlt Jim monatlich einen Silbergroschen dafür, daß er ihm sofort meldet, wenn ein solcher Seemann im Umkreis des Wirtshauses auftauchen sollte.

Eines Tages kreuzt ein weiterer seltsamer Seemann auf, der sich „Schwarzer Hund“ nennt, und der sogenannte Käptn bekommt nach einem handgreiflichen Streit mit dem neuen Gast einen Schlaganfall. Zufällig ist Dr. David Livesey gerade auf dem Weg zum Wirtshaus, um nach Jims schwerkrankem Vater zu sehen. Widerwillig rettet Dr. Livesey dem Käptn das Leben, indem er ihn zu Ader läßt.

Als der Käptn wieder zu Bewußtsein gekommen ist, vertraut er Jim an, daß er der Steuermann des verstorbenen Kapitäns Flint war und eine Schatzkarte von ihm „geerbt“ habe, hinter der nun der Rest von Flints alter Mannschaft her sei.

Einige Zeit später bekommt der Käptn erneut verdächtigen Besuch und regt sich danach so sehr auf, daß er an einem zweiten Schlaganfall stirbt. Jim durchsucht die Seemannskiste und nimmt einige Papiere sowie die Schatzkarte an sich. Anschließend berät er sich mit dem örtlichen Gutsherrn Squire John Trelawney und Dr. David Livesey. Bei näherer Inspektion der Karte und der beiliegenden Dokumente, die eine genaue Buchführung der beträchtlichen Piratenbeute enthalten, stellt sich heraus , daß sie wahrlich die Schatzkarte vor sich haben, die den Standort der vergrabenen Schätze des blutrünstigen Piratenkapitäns Flint bezeichnet.

Squire Trelawney ist die Aussicht auf diesen Schatz so viel wert, daß er ein Schiff ausrüsten läßt, einen Käpitän engagiert und mit Hilfe einer Zufallsbekanntschaft, dem einbeinigen Schiffskoch Long John Silver, eine Schiffsbesatzung organisiert.

Jim Hawkins ist zunächst mißtrauisch, da er an den einbeinigen Seemann denken muß, den der verstorbene Vorbesitzer der Schatzkarte so gefürchtet hatte. Doch John Silver erweist sich als so gepflegter, kultivierter und leutseliger Mann, daß sich Jims Bedenken sofort verflüchtigen. Außerdem kümmert er sich fast väterlich um Jim, erklärt ihm geduldig seemännische Fachbegriffe und gewinnt so sein jugendliches Vertrauen.

Schließlich sticht das Schiff „Hispaniola“ in See. An Bord befinden sich Jim Hawkins als Schiffsjunge, Squire Trelawney, Dr. Livesey, Kapitän Smollett und der angebliche Schiffskoch Long John Silver sowie zahlreiche Matrosen, die sich nach der Ankunft auf der Schatzinsel fast alle als alte Piraten aus der ehemaligen Mannschaft von Kapitän Flint entpuppen.

Nach ambivalenten Bündnissen, waghalsigen Ränkespielen, gefährlichen Schiffsmanövern, diversen kämpferischen Auseinandersetzungen und nicht wenigen Toten gewinnen die „guten“ Helden das Rennen um den Schatz und die sichere Heimkehr in den heimatlichen Hafen. Nur Long John Silver stiehlt sich raffiniert in die Freiheit, und irgendwie schafft es dieser charismatische Hasardeur, daß man ihm diese Freiheit gönnt.

Ja, ich weiß, ich habe den Papagei nicht erwähnt, die tolle Szene im Apfelfaß und die Begegnung mit Ben Gunn und, und, und…
Aber – ZUM DONNERKIEL – Sie können ja das Hörspiel hören oder das Buch lesen. Also AHOI, segeln Sie in die nächste örtliche Buchhandlung und erbeuten Ihre Schatzinsel. Es lohnt sich!

 

Sollten Sie zufällig in der kleinen Großstadt SOLINGEN wohnen, haben Sie sogar die einmalige Gelegenheit, dieses Hörspielkunstwerk in der Buchhandlung „Die Schatzinsel“ zu erwerben.
Ich finde, besser geht’s nicht:

 Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel: 0212 – 38 32 95 10
Fax: 0212 – 38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de

 

»Robert Louis Stevenson kam am 13. November 1850 in Edinburgh zur Welt. Er studierte erst Maschinenbau, dann Jura, erkrankte an Tuberkulose und verließ seine Heimat, weil ihm das Klima nicht bekam. Stevenson reiste um die Welt, liebte die Südsee und arbeitete als Schriftsteller. Er schrieb Essays, Gedichte, Reisebücher und Romane.
„Die Schatzinsel“ erschien 1883. Die letzten Jahre lebte Robert Louis Stevenson auf Samoa. Dort starb er mit nur 44 Jahren Ende 1894

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24 Kommentare zu “Die Schatzinsel

  1. Liebe Ulrike,
    erinnerst Du Dich noch? Du hattest mir vor ca. einem Jahr eine Hörspielinszenierung empfohlen und ich hatte geantwortet, dass ich sie leider nicht hören werde, da ich keine Hörspiele höre. Das hat sich inzwischen gänzlich geändert! Ich habe meine große Freude daran, diesen, mir so unbekannten Bereich zu entdecken und damit gleichsam eine tolle Fundgrube an Empfehlungen bei Dir gefunden.
    Herzliche Grüße,
    Mina

    PS: Schatzinsel kommt auf die Wunschliste! Und das Dracula Hörspiel auch!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Mina,
      ich entsinne mich dunkel, Dir einst in einem Kommentar das grusel-großartige Hörspiel DRACULA unter der Regie von Felix Müller (2003 erschienen bei Deutsche Grammophon) empfohlen zu haben.
      Schön, daß Du inzwischen auf den Hörbuch-Geschmack gekommen bist und sternchenstreuend in meinem Hörbuch-Fundus geblättert hast.
      Ich lausche zur Zeit vergnüglich der Hörspielinszenierung „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne. Es ist ein unerwartet schräges und eigenwilliges Werk, jedenfalls für das 18. Jahrhundert …
      Herzliche Gutenachtgrüße von Ulrike

      Gefällt 1 Person

    • Werter Lu,
      ich bin ein ausgesprochen EIGENWILLIGES Wesen und ich lese, höre und lebe ziemlich trendunabhängig und modegleichgültig.

      Mir wurde als Kind SEHR viel vorgelesen, hauptsächlich MÄRCHEN. Mein Vater dachte sich darüber hinaus auch noch selber Fortsetzungs-Abenteuer- Geschichten für mich aus. Und ich bekam diverse Schallplatten aus der EUROPA-Kinderserie geschenkt, die mit ganz hervorragenden Sprechern (z.B. Hans Paetsch) bespielt wurden.
      Daher habe ich persönlich stets ein OHR für Hörbücher.

      Manche Hörbuchhörer müssen beruflich stundenlang Autofahren und versüßen sich diese Zeitspanne mit Hörbüchern, andere können nicht mehr gut genug sehen, um lange Texte zu lesen, und manche sind vielleicht sogar Analphabeten, die sich gleichwohl für Geschichten begeistern.

      Ich bin froh, daß wir uns in dieser kultivierten LUXUSLAGE befinden, zwischen Buch und Hörbuch wählen zu können. So kann jeder seinen bevorzugten Sinneskanal wahrnehmen.

      Und nun – Ende des Kommentarromans 😉
      Ohrenbetörende Grüße von Ulrike

      Gefällt mir

      • Werte Ulrike,
        WAS für ein spannender Kommentar-Roman, sag, gibt es den in deinem Laden auch als Audiobuch für mich zu kaufen?

        Oder kann ich davon wenigstens eine mp3-Datei herunterladen?
        DAS wäre schön! 🙂

        Liebe Mittagsgrüßle
        vom Lu

        Gefällt 1 Person

      • Dies wäre wohl ein lustiges Hörwerk, wenn ich mit meiner rheinischen Sprechmelodie und dem typischen Solinger-Hofschafts-Slang aus meinem LESELEBENSLAUF und meiner Bücherwelt erzählte.
        Datt wär‘ wahrscheinlich kabarettreif 😉
        Herzliche Abendsonnengrüße
        von Ulrike

        Gefällt 1 Person

  2. Ich habe das Buch vor nicht allzu langer Zeit gelesen. Erstaunlicherweise ist nicht mehr so viel davon in meinem Gedächtnis geblieben. Die Geschichte ist spannend und sehr schön geschrieben und Piratengeschichten sind einfach klasse, das muss man einfach sagen. Leider gibt es davon nicht sehr viele.

    Begeistert hat mich „Silver“ von Andrew Motion, das als Nachfolger von der Schatzinsel Anfang 2014 veröffentlicht wurde. Ein super Schreibstil mit einer sehr bildhaften Sprache. Ein Buch das ich dir nur empfehlen kann, denn es folgt auch dem Erzählstil des Originals.

    Hörspiele sind nicht mein Ding, sonst würde ich nach deiner Rezension mir das gute Stück holen. Das hört sich schon echt gut an.

    Liebe Grüße
    Tobi

    Gefällt 2 Personen

    • Werter Tobi,
      vielen Dank für Deinen Lesebesuch und den Hinweis auf die „Fortsetzung“ der Schatzinsel. „Silver“ ist beim mare Verlag erschienen und alleine dies ist schon ein gewisser Garant für ein Buch mit literarischer Substanz. Mir war „Silver“ schon wegen des sehr schönen Titelbildes aufgefallen, aber in Anbetracht meiner Säule noch zu lesender Bücher, muß ich mich mit Neuerwerbungen erst einmal zurückhalten. Es war jedoch gut, daran erinnert zu werden und Deine empfehlende Besprechung nachzulesen.

      Zum Thema „HÖRSPIEL“ kann ich nur wiederholen, daß es – für mich – ein schönschauriger Genuß war, die Piraten zu HÖREN; besonders Long John Silver mit seiner ambivalenten Wesensart.

      Mit freundlich-freibeuterischem Gruße
      Ulrike

      Gefällt 1 Person

  3. Es scheint, diese Inszenierung ist wirklich ein Sprung (kein Quantensprung, das wäre nämlich „die kleinstmögliche Energiedifferenz diskreter Zustände“) unter den zahlreichen Hörbuchvarianten. Nachdem ich zuletzt in der Lesung von Harry Rowohlt vor allem Harry Rowohlt gehört habe (das kann aber auch an mir selbst liegen) verspricht dieses Hörbuch doch mal etwas noch nicht schon tausendmal Gehörtes. Und trotzdem muss auch ich immer an selige „Europa“-Hörspielzeiten denken, in denen Jim Hawkins von Susanne (!) Hartau gesprochen wurde und Trelawney noch „Trellonee“ hieß.
    Wer außerdem literarisch noch etwas über Stevenson und den Mythos der Schatzinsel erfahren möchte, dem sei Alex Capus „Reisen im Licht der Sterne“ anempfohlen.
    Darauf ´ne Buddel voll Rum!

    Gefällt 2 Personen

    • Ahoi Fischi,
      ja, diese Inszenierung ist wirklich besonders ansprechend!
      Ich habe sie schon dreimal gehört und auch ganz ohne RUM, RUM, RUM!!!
      Und herzlichen Dank für die geteilte EUROPA-SCHALLPLATTEN-Nostalgie und den schönen Hinweis auf literarisch weiterverführende 😉 Schatzinselsekundärliteratur 😉

      Gefällt 1 Person

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