Ein Buchladen zum Verlieben

  • von Katarina Bivald
  • Originaltitel: »Läsarna i Broken Wheel rekommenderar«
  • Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
  • btb Verlag, August 2014                                      http://www.btb-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 445 Seiten
  • 19,99 €
  • ISBN 978-3-442-75456-4
  • Taschenbuchausgabe  Juni 2016
  • € 9,99E (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-71392-9

    Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

LESEERFAHRUNG  ODER  LEBENSERFAHRUNG ?

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Nun folgen die Zutaten für dieses Romanrezept:

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Schon erweitern sich die Personenzutaten um zwei Hände voll sehr ausgeprägt-eigenwilliger Charaktere: Amys Neffe, ein sehr attraktiver Junggeselle mit lächelnden Augen (Tom), ein arbeitsloser, geschiedener, trockener Alkoholiker, der den Kontakt zu seiner Tochter (Sophy) schmerzlich vermißt (George), eine burschikose Diner-Inhaberin und Schnapsbrennerin (Grace-Madeleine), eine arbeitslose Lehrerin und moralimprägnierte Kirchenälteste (Caroline), ein schwules Pärchen, das eine – die einzige – Kneipe am Ort betreibt (Andy und Carl), eine hyperaktive Hausfrau, die den Broken-Wheeler-Nachrichtenbrief schreibt und herausgibt (Jen), und noch einige andere Einwohner.

Sara wird stellvertretend für die allseits beliebte Amy von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen. Jen plant schon eifrig, Sara mit Tom zu verkuppeln und so eine neue, interessante Einwohnerin für Broken Wheel zu generieren.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen.

Nach reichlich kopfschüttelnder, gemeinderätlicher Zustimmung zu diesem Kultivierungsprojekt hilft George gerne freiwillig bei den Putz- und Renovierungsarbeiten, und nach einer Spendensammlung von Caroline finden sich auch einige brauchbare Bücherregale, Lesesessel und eine Leselampe.

Saras improvisierte Buchhandlung, ihre feste Absicht, für jeden Bewohner von Broken Wheel genau das richtige Buch zu finden, und ihre unkonventionelle Freundlichkeit wirken als sozialer Katalysator. Die Buchhandlung zahlt sich betriebswirtschaftlich nicht aus, aber sie ist eine zwischenmenschliche Bereicherung für die – durch Wirtschaftskrise, fehlende Arbeitsplätze und dementsprechend schrumpfende Einwohnerzahlen – verarmte, zukunftsmüde Kleinstadt.

Während Sara sich bemüht, die Menschen zum Lesen zu verführen, und sich originelle und aussagekräftigere Oberbegriffe – als bisher buchhändlerisch üblich – für die Regalbeschriftung ausdenkt , erwärmen sich immer mehr Menschen für die Aussicht, Sara längerfristig an Broken Wheel zu binden. Doch die romantische Annäherung zwischen Sara und Tom kommt trotz gegenseitiger Sympathie nicht in Gang, weil sich beide gegen die allzu offensichtlichen Verkuppelungsabsichten ihrer Mitmenschen wehren.

Das führt zu beiderseitigen Mißverständnissen und Trotzhaltungen, die der Liebesentwicklung eine Weile massiv im Wege stehen, und zu absurden gegenseitigen Versicherungen, man wolle nichts als Freundschaft voneinander.

Doch wenn eine Frau einen öffentlichen Heiratsantrag von einer ganzen Stadt bekommt, kann sie da noch Nein sagen?

Dieses Buch hat eine sehr warmherzige Temperatur, mit vielen Prisen Humor, netten, kleinen literarischen sowie filmischen Anspielungen und lebendigen, abwechslungsreichen Charakteren. Zum guten Schluß gibt es nicht nur eine echte Liebesheirat, sondern auch für die Nebenfiguren viele, viele bunte Liebesperlen.

Das Titelbild auf dem Schutzumschlag ist lobenswert gelungen und sehr stimmig. Hier paßt die Verpackung ausdrücklich zum Inhalt.

Mein Lieblingssatz:

„Es war einwandfrei der beste Sex gewesen, den sie jemals nicht gehabt hatte.“    (Seite 270)

 

Die Autorin:

»Katarina Biwald arbeitete 10 Jahre lang in einem Buchladen. Sie lebt in der Nähe von Stockholm, gemeinsam mit ihrer Schwester und so vielen Bücherregalen, wie nur eben in ihre Wohnung hineinpassen. Sie weiß bis heute nicht genau, was sie bevorzugt: Menschen oder Bücher.«

Die Taschenbuchausgabe hat ein anderes Titelbild – da schau her:

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald


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10 Kommentare zu “Ein Buchladen zum Verlieben

  1. Das klingt wirklich originell und einladend. 🙂 Aaaaber! Ist das nicht eher so etwas Frauenmäßiges – Bücher und Liebe und so Zeugs? [Weiberkram halt, wie Mann zwar nicht sagen darf, aber sagen würde, wenn Mann dürfte.] 😉 Wäre nicht beispielsweise der achsozuverlässige Dan Brown eher ein Garant für eine der männlichen Gemüts- und Geisteskonstitution angemessene Lektüre?
    Aber was soll’s. Darauf wird jetzt einfach mal gepfiffen. So laut, dass die Nachbarn bestimmt sauer werden. Es klingt nämlich wirklich originell und einladend. Und noch dazu gibt es das sogar als Hörbuch (på svenska). Und dieses Buch scheint mir absolut gehörgangtauglich zu sein. 🙂
    Das Titelbild der gebundenen Ausgabe entspricht übrigens dem Original. Warum die Taschenbuchausgabe wohl ein anderes Bild bekommen hat? Vielleicht aus Kostengründen?

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    • Dieser Roman ist schon eher weiblich-musisch gestimmt, aber es kommen
      durchaus facettenreiche männliche Charaktere darin vor, und die Handlung ist nicht betont liebessäuselig-schmusig, sondern eher allgemein zwischenmenschlich-sozialkritisch.
      Gefährliche Geheimbünde, tödliche Sakrilegien und Spezialagenten wie bei Dan Brown spielen dort allerdings keine Rolle. 😉

      Warum Verlage immer wieder für Taschenbuchausgaben ein anderes Titelbild wählen, bleibt mir ein Rätsel.
      Der Warenwiedererkennungseffekt erledigt sich dadurch leider. Außerdem merken sich die meisten Kunden eher das TitelBILD als den TitelWORTlaut und schon werden Bücher vermeintlich neu gekauft, die längst schon gelesen wurden …
      Das ist ein buchhändlerisches Thema, über das ich stinklangweilige Romane schreiben könnte. 😉
      Manchmal mag es an den Bildlizenzrechten liegen, die vielleicht nur für die gebundene Ausgabe erworben wurden. Oder die Marketingabteilung verspricht sich von einem anderen Titelbild mehr Verkaufserfolg.

      Ich persönlich finde es sinnvoller, das Titelbild nicht zu wechseln, wie das sprichwörtliche Hemd. Jedenfalls nicht, wenn das Titelbild mit dem Werk wirklich korrespondiert.
      Mißverständliche, irreführende und unpassende Titelbilder wären ein weiteres Kapitel im Roman zum Thema Titelbildplagen.
      Doch wer will sich schon plagen?
      Da lese ich doch lieber gute Texte und übersehe gegebenenfalls schlechte Bilder.
      Manchmal allerdings ist ein Titelbild so mißraten, daß es eine echte Verkaufbremse ist, z.B. in diesem Falle: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/10/was-mit-kate-geschah/

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      • Okay, um präzise zu sein, habe ich bloß einen einzigen Dan Brown Roman gelesen. Einfach, weil mich der Da Vinci Titel neugierig machte. Und damit war mein Bedarf gedeckt, obwohl ich damals noch nicht wusste, dass bei Dan Brown gilt: Ein Buch lesen – alle kennen. 😉
        Da sind mir facettenreiche, feinstiftig gezeichnete Charaktere also definitiv lieber. 🙂
        Die Sache mit ändernden Titelbildern würde ich dann nachvollziehen können, wenn eine Ausgabe im Rahmen einer einheitlichen gestalteten Serie erscheint. Oder wenn das Original-Titelbild so schwach ist, dass man es eigentlich nur noch besser machen kann. Das wäre bei „Was mit Kate geschah“ ja eigentlich möglich gewesen. Aber dass man einen bereits mausetoten Vogel (Originalbild) auch noch (mit einem noch armseligeren Bild) abschießt… [Das Heidenreich-Zitat wirkt vor diesem Hintergrund wie blanke Ironie.]

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      • Um auch präzise zu sein, ich habe bloß die Verfilmung von Dan Browns Da Vinci Code gesehen ;-).
        Die Titelbildtragödie bei „Was mit Kate geschah“ konnte selbst durch ein löbliches Zitat von Frau Heidenreich nicht abgewendet werden. Ich bin mir sicher, daß dieser Roman mit einem stimmigen Titelbild immernoch auf dem Markt wäre …

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  2. Es ist wirklich ein zauberhaftes Buch, das ich nach dem vielfältigen Happyend mit einer kleinen Träne im Auge zugeklappt habe. 🙂 Solche Bücher tun einfach nur gut! Leicht, humorvoll und warmherzig geschrieben, mit vielen starken Figuren, die gerade durch ihre Schwächen liebenswert werden. Besonders schön die Szene von der über Stunden lesenden Sara im Schaufenster mit dem Menschenauflauf davor! Oder die kirchentreue Caroline mit dem „unsittlichen“ Buch zuhause und ihre Gedanken dazu! Köstlich!

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  3. Das hört sich doch eindeutig nach einer sehr unterhaltsamen und beschwingten Geschichte mit recht eigenwilligen und unterschiedlichen Charakteren. Ich habe so das Gefühl, das Städtchen hält ziemlich zusammen …
    Liebe Ulrike, deine Rezension hat eindeutig die Lust geweckt, sich dieses Buch doch einmal zu schnappen und mit ihm ein paar vergnügliche und unbeschwerte Lesestunden zu verbringen. Vielen Dank für den Tipp!

    Liebe Grüße
    Michèle

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    • Liebe Michèle,
      Du hast es richtig erkannt: Dies ist eine unbeschwerte, leichtmusige Lektüre, gleichwohl nicht oberflächlich, sondern ausgesprochen menschenkenntnisreich und buchliebhaberisch.
      Herzliche Grüße
      Ulrike

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  4. Liebe Ulrike,

    der Buchladen zum Verlieben liegt schon einige Zeit auf meinem Stapel und wartet darauf, gelesen zu werden. Bisher kam nicht die richtige Lust zu lesen auf… Jetzt habe ich mich ein wenig durch deinen Blog gelesen und durch deine Besprechung bin ich jetzt doch angefixt…😄

    Leselustige Grüße

    Sonja

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    • Liebe Sonja,
      es freut mich, daß ich Dich zur Lektüre des >>Buchladens zum Verlieben<< verführen konnte.
      Danke für Deinen Lesebesuch bei mir! Ich werde demnächst auch mehr bei Dir herumblättern… Gestern war ich doch schon ein wenig spät unterwegs und da hat es nur für ein Kommentärchen gereicht und gleich gehe ich zu einer Vernissage und muß die Buchbesuche im Netz ein wenig ruhen lassen.
      Auf Wiederlesen
      Ulrike

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