Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen

  • von Peter Daniell Porsche
  • Hanser Verlag, August 2012                        www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 232 Seiten
  • 19,90 €
  • ISBN 978-3-446-42918-5
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AUTO   BIO   GRAPHIE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Um es gleich klarzustellen: Ich interessiere mich nicht die Bohne für Autos, ich kann gerademal eine Ente von einem Jaguar unterscheiden, und ich habe auch keinen Führerschein. Auch Autorennen oder Wettbewerbssportarten – egal ob rein körperlich oder unter Beteiligung von Fahrzeugen – erregen nicht das geringste Interesse bei mir.

Ich bin also die denkbar unwahrscheinlichste, aber auch unbestechlichste Rezensentin für ein „AUTObiographisches“ Buch.

In meiner Heimatstadt Solingen will es der berühmte Zufall, daß ein modernes, architektonisch-aerodynamisch abgerundetes Porsche-Zentrum direkt neben dem Sozial-Kaufhaus steht. Das Sozial-Kaufhaus wird von verschiedenen sozialen Trägern unterstützt und bietet zu wirklich kleinen Preisen gebrauchte Kleidung, Hausrat, Möbel, Bücher, CDs und Spielsachen an. Ökonomisch Bedürftige bekommen zusätzlich noch 20 Prozent Preisnachlaß. Jeder kann dort Sachspenden abgeben – eine sinnvolle Entsorgung z.B. unerwünschter Geschenke und sonstiger Überflüssigkeiten, die einem Anderen gewiß noch von Nutzen sein können.

Beide Kaufhäuser teilen sich eine Auffahrt und einen gemeinsamen Parkplatz, so daß der Sozialkontrast eine räumliche Nähe erreicht, die Seltenheitswert hat. Diese Überschneidung gesellschaftlicher Parallelwelten führt zum Thema des Buches: „Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen“.

Peter Daniell Porsche ist ein Urenkel aus der Familie Porsche und zu einem Achtel Anteilseigner an der Firma Porsche, und überraschenderweise ist er nicht Betriebswirt, Ingenieur, Rennfahrer oder gar Liegestuhlmillionär, sondern Musiktherapeut und Waldorfpädagoge. Damit hat er zunächst einmal gründlich einige meiner Vorurteile zerstreut und mich zur Lektüre seines Buches angeregt.

Es ist ein autobiographisches Buch, dabei sympathisch authentisch sowie dezent persönlich und keinesfalls peinlich enthüllerisch. Peter Daniell Porsche stellt eher seinen eigenwilligen Standpunkt zu bestimmten familiären, gesellschaftlichen und autotechnischen Themen dar und beschreibt, wie er seine Wertekoordinaten entwickelt hat.

Da sich sein Vater, über gesellschaftsschichtliche Unterschiede hinweg, in eine Angestellte aus dem eigenen Unternehmen verliebt und sie auch geheiratet hatte, war Daniell Porsche von Anfang an in bzw. zwischen zwei Welten zu Hause, was gleichermaßen emotionale Herausforderung und bereichernde Vielfalt für ihn bedeutete.

Seine Mutter interessiert sich sehr für Anthroposophie, und bewirtschaftete ihren Garten selbst und baute biodynamisch Gemüse an. Das waren für ihn erste Lern- und Erfahrungsschritte in Nachhaltigkeit und Mitweltverantwortung. Die Eltern ließen ihr einziges Kind sehr naturverbunden aufwachsen, und sie unterstützten seine technische Entdeckungs- und Erfindungslust.

Peter Daniell Porsche porträtiert seine Eltern, die beiderseitigen Großeltern und deren Beziehungen untereinander sowie auch den jeweiligen Umgang mit Geld sehr mitmenschlich und anschaulich. Darüber hinaus streift er auch verschiedene Aspekte der Firmengeschichte.

„Während ich heranwuchs, gab es zwei Pole, die ich vereinen musste, das Soziale und das Wirtschaftliche, um es grob auf einen Nenner zu bringen.“ (Seite 160)

Die Lehren Rudolf Steiners bleiben ein roter Faden im Leben von Daniell Porsche. Er unterrichtet an der Paracelsus-Schule in Salzburg und unterstützt diese „Bildungsstätte für seelenpflege-bedürftige Kinder und Jugendliche“ großzügig aus seinen Porsche-Dividenden. Obwohl die Firma Porsche Bestandteil des Aktienmarktes ist, übt er zurückhaltende Kritik am modernen Finanz- und Aktienmarkt und beklagt den Mangel an Firmentreue bei den Aktienhaltern. Er verfaßt keine umfassende antikapitalistische Systemkritik, aber es ist ihm ein wichtiges Anliegen, die Wirtschaft sozial zu verpflichten.

„Zwar bin ich ein Porsche und gehöre damit einer Industriedynastie an, aber ich versuche zu zeigen, dass man Geld erwirtschaften und sozial ausgeben kann.“ (Seite 207)

Daniell Porsche macht sich auch Gedanken zur Nachhaltigkeit von Automobilen, zu alternativen Antriebstechnologien, zu technischen, akustischen und optischen Autoraffinessen, die autoaffine Leser gewiß ansprechen. Er ist autobegeistert, aber nicht auto-autistisch. Während der Lektüre gewinnt man den Eindruck, daß „der Herr Porsche“ ein familiärer und zuverlässiger Mensch ist, vielseitig interessiert sowie ernsthaft und freudig engagiert in und für die Sozialprojekte, die er betreut und finanziell begleitet.

Mitglied eines weltberühmten und sehr reichen Familienclans zu sein hat nicht nur Sonnenseiten; eine Schattenseite und zwischenmenschliche Hürde ist z.B. die verständliche Ungewißheit, ob die Öffentlichkeitwirksamkeit der eigenen Person und der finanzielle Spielraum oder die persönlichen, individuellen Qualitäten ausschlaggebend für eine Kontaktaufnahme sind – ganz zu schweigen von der unfreiwilligen öffentlichen Projektionsfläche, die man allen menschenmöglichen Vorurteilen bietet.

Würde man mich nicht in die Kategorie »Porsche« pressen, sondern könnte man mich als Musiktherapeut, als Eigentümer einer sozialen Einrichtung, als Streitschlichter, als Naturkost-ladenunterstützer etc. sehen, würde ich den Reichtum, der mir von Geburt an mitgegeben wurde, auch als etwas Schönes ansehen können. Dieser Reichtum wäre dann nicht mehr etwas, das mich ständig einholt, mich in die Ecke treibt, mir permanent ein schlechtes Gewissen auf die Brust oder Stirn schreibt, mich schlichtweg belastet. Ganz im Gegenteil. Dann wäre Reichtum etwas, von und mit dem ich gut leben könnte und von dem ich auch viele andere Menschen gut leben lassen könnte. Mit dem ich noch viele soziale Dinge initiieren kann, sozusagen als Zündkerze und Starter, die in späterer Folge Selbstläufer werden und auf eigenen Beinen stehen können. … Und die dann in der Welt etwas bewirken können.“ (Seite 223)

Die persönlichen Einnahmen aus dem Verkauf des Buches fließen zur Gänze an die Paracelsus-Schule. Das ist sehr stimmig, erfreulich und glaubwürdig, und genauso empfinde ich auch sein
Buch. Peter Daniell Porsches Definition von Luxus gefällt mir ebenfalls, aber ich werde sie hier nicht zitieren – schließlich sollen Sie ja das Buch lesen.

 

Der Autor:

»Peter Daniell Porsche wurde 1973 in Stuttgart geboren. Er ist Musiktherapeut und Waldorfpädagoge. Seit 2003 ist er mit der Paracelsus-Schule Salzburg eng verbunden, die seit 2005 Teil des Kulturzentrums St.Jakob am Thun ist.
Er ist Förderer zahlreicher sozialer, pädagogischer und künstlerischer Projekte. Der leidenschaftliche Ballonfahrer lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern am Gaisberg, wo er ein Grundstück mit Pferden, Ponys, Eseln, Hunden, Hühnern, einer Ziege, Schafen und zwei Katzen teilt

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5 Kommentare zu “Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen

    • Das Thema Musik und Musiktherapie nimmt keinen großen Raum in dieser Autobiographie ein, jedoch erzählt er von einem speziellen Schülerfall bei dem gerade diese Therapie sehr erfolgreich war.
      Der Schwerpunkt seines Buches liegt wirklich in der Auseinandersetzung mit der exponierten Stellung, die man als Kind des Porsche-Klans auszuhalten hat und in seinem Bemühen, seinen Anteil am Reichtum in sozial-sinnvolle Projekte zu investieren.

      Gefällt 1 Person

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