Die Spieluhr

  • Eine Novelle
  • von Ulrich Tukur
  • Ullstein Verlag Berlin, Oktober 2013          http://www.ullstein-verlag.de
  • in Leinen gebunden
  • 150 Seiten
  • 18  €
  • ISBN 978-3-550-08030-2
  • Taschenbuchausgabe  Oktober 2014
  • 10,99 €
  • ISBN 978-354-861234-8
    csm_9783550080302_cover_ Die Spieluhr175f6ec799

B  I  L  D  E  R  R  E  I  G  E  N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Spieluhr“ von Ulrich Tukur ist eine musische, malerische und musikalische Geschichte, poetisch, geheimnisvoll und vielschichtig; sprachlich wunderbar geschliffen, anziehend altmodisch, niveauvoll  –  ja: ELEGANT. Ich bin hingerissen, solches Sprachgut bei einem Autoren der Gegenwart erlesen zu dürfen!

Ulrich Tukur, der den meisten wohl als Schauspieler bekannt sein dürfte und vielleicht auch als Musiker und Sänger der Tanzkapelle „Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys“, offenbart mit der Novelle „Die Spieluhr“ ein weiteres beachtliches Talent als Schriftsteller.

Der Autor erzählt von den Dreharbeiten zur Filmbiographie der Malerin Séraphine Louis. Im Film verkörpert er Wilhelm Uhde, einen deutschen Kunstsammler, der 1912 bei einem Urlaubsaufenthalt in der französischen Kleinstadt Senlis das außergewöhnliche Maltalent von Séraphine entdeckt und fördert.

Ulrich Tukur beginnt als Ich-Erzähler mit der Gegenwart seiner Ankunft am Drehort, leitet dann über in die Vergangenheit und beschreibt einfühlsam Wilhelm Uhde und Séraphine Louis sowie die unkonventionelle Begegnung und Verbindung zwischen akademischer Kultiviertheit und mystisch-religiösem Naturtalent.

Zurück in der Gegenwart berichtet der Autor von einem Problem bei den Dreharbeiten: Der Filmarchitekt hat trotz umfänglicher Hausbesichtigungen noch nicht den passenden Drehort für die Inszenierung von Séraphines Unterkunft gefunden. Der Regisseur will keinen Studioaufbau, sondern unbedingt etwas Echtes.

Der Regieassistent Jean-Luc, der fertiges Filmmaterial nach Paris zum Entwickeln bringen soll, verschwindet spurlos und taucht sichtlich erschüttert zwei Tage später wieder auf und erzählt, daß er unterwegs zufällig (oder schicksalhaft) ein verborgenes Schloß entdeckt habe. Dort befände sich ein Raum, der sich perfekt als Séraphines Filmzimmer eigne. Er hätte schon alles mit dem Schloßherrn besprochen, der sogar bereit sei, die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Jean-Luc versucht seine irrlichternden Erfahrungen mit dem geheimnisvollen Schloß und seinen Bewohnern in Worte zu fassen; nicht ganz zu Unrecht befürchtet er, von seinen Zuhörern für verrückt gehalten zu werden. Der Schloßherr, der Marquis von Montrague, hat ihn freundlich und mit bescheidener Gastlichkeit im Küchengewölbe aufgenommen. Beim Abendbrot erklingt eine betörend schöne Musik aus der oberen Etage, und der Marquis erklärt, daß sein Sohn Amadé im alten Spiegelsaal Cembalo spiele; der Sohn habe das musikalische Talent einer Ahnin aus dem 18. Jahrhundert geerbt.

Während der Marquis erzählt, wie diese Ahnin, Marie-Élisabeth de Courtils, dank ihrer musikalischen Virtuosität und ihrer besonderen Schönheit zur Zeit der Französischen Revolution  – wortwörtlich – ihren Kopf retten konnte, schaut Jean-Luc gewissermaßen durch die Augen des Marquis auf das Portrait der Marquise Marie-Élisabeth de Courtils. Sodann sieht er, wie die Bildleinwand aus dem Rahmen gelöst wird; dahinter erscheint ein Schloßsaal, der vom revolutionären  Pöbel gestürmt und verwüstet wird… Plötzlich sitzt er wieder im Küchengewölbe und lauscht dem Bericht des Marquis, der inzwischen von den Verhältnissen im Schloß zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg berichtet.

Schließlich begleitet der Schloßherr Jean-Luc zu seinem Gastzimmer und erwähnt beiläufig, daß dort einst eine Magd gewohnt habe, die später als Malerin zu Ruhm gekommen sei. Auf dem Weg dorthin passieren sie eine Portraitgalerie; im unbeständigen Kerzenlicht  –  das Schloß verfügt nicht über einen Stromanschluß  –  scheinen die abgebildeten Personen seltsam bewegt und lebendig zu sein. Der Marquis schickt seinen Gast mit der ausdrücklichen Bitte und Warnung zu Bett, des Nachts keinesfalls sein Zimmer zu verlassen.

Jean-Luc inspiziert die altmodische Kammer und betrachtet eine gerahmte, sentimentale Mariendarstellung. Als er den Kerzenleuchter näher an das Bild hält, öffnet sich der gemalte Mund und die Madonna spricht zu Séraphine und gibt ihr Anweisungen zum Mischen der Farben für ein Gemälde des Paradiesbaumes…

Der Regisseur und die anderen Filmkollegen nehmen diese seltsame Geschichte erst einmal so hin und fahren für den Rest des Tages mit den Dreharbeiten fort. Nach Drehschluß soll Jean-Luc dem Aufnahmeleiter und dem Filmausstatter das Schloß zeigen. Er fährt mit ihnen den gleichen Weg, den er genommen hatte, aber es findet sich kein Schloß. Auf die scherzhafte Frage, welche Sorte Drogen er denn eingenommen habe, reagiert Jean-Luc empört; er macht sich alleine auf die weitere Suche und verschwindet im Wald.

Jean-Luc bleibt verschwunden und wird als vermißt gemeldet. Die Dreharbeiten gehen weiter und werden abgeschlossen. Ulrich Tukur genießt den letzten Sommerabend vor seiner Abreise auf der Terrasse seines Hotelzimmers und reflektiert selbstkritisch über seine Darstellung des Wilhelm Uhde. Unverhofft erscheint Jean-Luc in sehr abgerissener Verfassung auf der Terrasse, bittet um Speise und Trank und vertraut Ulrich Tukur die Fortsetzung seiner unglaublichen Geschichte an.

Trotz der Warnung des Marquis hatte Jean-Luc seine Schlafkammer verlassen undwar dem Klang der überirdischen Cembalomusik gefolgt, die ihn zum Spiegelsaal führte. Amadé, der Cembalospieler, freute sich sehr über den Besuch Jean-Lucs und ein wenig Unterhaltung und empfing ihn mit gutem alten Wein. Doch das im Saal befindliche, seltsam leuchtende Gemälde der Marquise Marie-Élisabeth de Courtils beanspruchte Jean-Lucs ganze Aufmerksamkeit, und er war mehr denn je unwiderstehlich angezogen von ihrer verheißungsvollen Schönheit und Ausstrahlung. Amadé machte sich zwar lustig über Jean-Lucs  Entflammtheit, führte ihm jedoch auch vor, wie er durch das Aufziehen einer magischen Spieluhr in die Welt hinter dem gemalten Bild gelangen könnte…

Nach dieser Beichte verschwindet Jean-Luc erneut, und erst ein halbes Jahr später erfährt Ulrich Tukur im Zusammenhang mit den Synchronisationsarbeiten zum Film, daß sich Jean-Luc erhängt hat. Außerdem hat er einen Brief für Ulrich Tukur hinterlassen. Dieser Brief und seine Betroffenheit über den Tod  des jungen Mannes veranlassen ihn, den Spuren Jean-Lucs zu folgen und sich selbst auf die Suche nach dem eigentümlichen Schloß zu begeben.

Er findet das wirklich-unwirkliche Schloß im Jahre 1944 und betritt eine Reihe von changierenden Räumen; Gobelins führen in wirkliche Landschaften, und Landschaften wieder in geschlossene Räume, Menschen gelangen in Bilder und Bilder in Menschen, man weiß nicht mehr, ob Menschen Bilder betrachten oder umgekehrt. Die Spieluhr spielt nach einer traumwandlerischen Choreographie mit Raum und Zeit und Leben.

Auch äußerlich hat dieses faszinierende Buch viel zu bieten:
Es ist in puderig-blaugrünes Leinen gebunden, mit einem floralen Motiv im Goldprägedruck als Titelbild, die Vorsatzblätter sind aus schwarzem, atlasseidig anmutendem Papier, die Serifen-Typographie  » Centaur «  ist reizvoll antiquarisch, gleichwohl gut und sehr klar leserlich. Das Verlagslogo ist unauffällig, beinahe unsichtbar ins Leinen eingeprägt, und es gibt ein LESEBÄNDCHEN. Ich liebe Lesebändchen, sie sind schön, praktisch und luxuriös.

Die Gestaltung (von Sabine Wimmer, Berlin) des Buches läßt es wie ein neues, altes Buch erscheinen, das gut in ein Buchhändlerschaufenster von 1913/14 gepaßt hätte. Angesichts unserer plakativen, bildinflationären Sehgewohnheiten ist diese Buchgestalt von wohltuender Unaufdringlichkeit und harmoniert ausdrücklich mit dem feinsinnigen Text.

Zum Ausklang noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich sammelte die herausgefallenen Kerzen ein, steckte sie zurück und zündete sie an. Die Gegenstände um mich herum, ihrer nächtlichen Gestaltlosigkeit entrissen, flossen zögerlich zurück in die Form, die ihnen vom Licht bestimmt war.“ (Seite 54)

 

Der Autor:

»Ulrich Tukur, 1957 in Viernheim geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise, 2013 wurde ihm der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache verliehen. 2005 erschien sein Erzählungsband Die Seerose im Speisesaal. Ulrich Tukur lebt mit seiner Frau, der Fotografin Katharina John, in Venedig.«

 

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2 Kommentare zu “Die Spieluhr

  1. Was soll eine gute Buchbesprechung? Sie soll ihrem Leser eine Antwort auf die Frage geben: Wäre das rezensierte Buch wohl für mich eine ertragreiche Lektüre? Die vorliegende Buchbesprechung „Bilderreigen“ ist bestens geeignet, diese Frage dem Leser zu beantworten. Die Vielzahl der interesseweckenden Andeutungen und die beachtenswert gekonnte Charakterisierung des Buches im Einleitungsabsatz der Besprechung lassen mich vermuten, daß nicht wenige Leser sich sagen werden: Das wäre ein Buch für mich! Dankbar erwähnt sei auch, daß die Besprechung dem Äußeren des Buches die verdiente lobende Aufmerksamkeit schenkt.

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