Im Schatten der Wächter

  • von Graham Gardner
  • Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
  • Verlag Freies Geistesleben                                    http://www.geistesleben.com
  • 5. Auflage, März 2013
  • 199 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-7725-2251-2
  • ab 13 Jahren
  • Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Jugendjury)  2005
    Im Schatten der Wächter

M A C H T P R O B E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Elliot steht erschreckend allein im Leben. Gewiß hat er Eltern, aber seine Familie muß mit einem schweren Schicksalsschlag zurechtkommen: Der Vater wurde bei einem brutalen Raubüberfall schwer verletzt und ist seitdem arbeitsunfähig und depressiv. Die Mutter geht verschiedenen schlechtbezahlten Arbeiten nach und versucht die Familie wirtschaftlich über Wasser zu halten. Die Finanzen stehen schlecht, doch es gelingt der Mutter, eine Opferentschädigung zu erhalten, und um Abstand zur Vergangenheit zu gewinnen, ziehen sie in eine andere Stadt.

An seiner alten Schule wurde Elliot mehrfach Opfer brutaler Mißhandlungen durch gewalttätige Mitschüler. Warum das so war, ist nicht eindeutig zu erklären: Lag es an der offensichtlich gebrauchten Schuluniform, an Elliots schmalem Körperbau oder an seinem ohnehin schon angegriffenen psychischen Gleichgewicht? Im Grunde ist es gleichgültig, denn Elliot weiß aus schmerzlicher Erfahrung, daß er einfach nur auf die falsche Weise aufgefallen ist und somit als Opfer ausgesucht  wurde.

Doch der Umzug und seine neue Schule eröffnen Elliot die Möglichkeit, einen anderen, unverletzlichen Elliot zu erschaffen. Generalstabsmäßig plant er seinen ersten Auftritt am Holminster Gymnasium; er läßt sich die Haare kurz schneiden und übt vor dem Spiegel, wie er seine Mimik auf eine undurchdringliche Maske einstellen kann. Elliot hat große Angst, aber es gelingt ihm unerwartet gut, seine Angst zu verbergen. Er hält kleinen Blickduellen stand, gibt schlagfertige Antworten auf Provokationen, und es gelingt ihm, sich für die Schwimmmannschaft der Schule zu profilieren.

Fast beginnt er schon, sich sicherer zu fühlen, da wird er von einem Mitschüler auf die „Wächter“  aufmerksam gemacht. Dieser Mitschüler gehört zu den sogenannten „Beobachtern“ und „Informanten“, die als Boten zwischen den Wächtern und den anderen Schülern fungieren. Die Wächter treten nie selbst in Erscheinung, sie sind nur Strippenzieher der Macht.

Die Wächter führen eine Namensliste mit Opfern, und sie bestimmen die Art und Weise sowie den Ort der „Bestrafung“  und welche Schlägertypen aus der Schülerschaft die Bestrafung in ihrem Auftrage ausführen. Alle Schüler wissen mehr oder weniger Bescheid über dieses System und seine grausamen Regeln, und es finden sich immer viele Zuschauer zu den inszenierten Demütigungen ein. Elliot wird Zeuge einer solchen Aktion, und hinter seiner Maske der Unberührbarkeit lauert die quälende Angst davor, vielleicht auch bald wieder zu den Opfern zu gehören.

Die Wächter sind drei Oberstufenschüler, deren Identität nur ganz wenigen Eingeweihten bekannt ist. Es dauert nicht lange, da wird Elliot durch einen Boten zu den Wächtern geführt. Elliot fürchtet das Schlimmste, doch überraschenderweise sind die Wächter gar nicht an ihm als potentiellem Opfer interessiert, sondern sie wollen ihn als Nachfolger ausbilden, damit die Tradition der Wächter fortgesetzt werden kann.

Die Wächter benutzen den Roman „1984“ von George Orwell und die darin beschriebenen Machtmechanismen als Quellentext und Lehrbuch für ihr perfides Unterdrückungs- und Einschüchterungssystem.

Den harten Panzer, den sich Elliot zugelegt hat, um seine Traumatisierung zu verbergen, halten die Wächter für echt, und dies qualifiziert ihn in ihren Augen zu einem würdigen Nachfolger ihrer Macht.

Außerhalb der Schule freundet sich Elliot zufällig mit einem Jungen an, der auf der Opferliste steht, und deshalb findet innerhalb des Schulbereichs keinerlei Kontakt zwischen den beiden Jungen statt. Elliot verliebt sich in eine Mitschülerin, die über ein beachtliches Selbstbewußtsein und viel Zivilcourage verfügt und sich über die Wächter lustig macht.

Die positiven Gefühle von Freundschaft und Verliebtheit können jedoch im sozialen und psychischen Klima von Angst und Mißtrauen nicht gut gedeihen. Die Machtmöglichkeiten, die sich Elliot plötzlich bieten, machen ihm keinerlei Freude  –  im Gegenteil:  Die Angst, zum Opfer zu werden ist schrecklich, die Angst, zum Täter zu werden, ist jedoch fast ebenso belastend!

Für Elliot beginnt eine nervenaufreibende Gratwanderung zwischen Macht und Ohnmacht, bis Elliot eine Schmerzgrenze erreicht, an der er erkennt, daß er innerlich abstirbt, wenn er so weitermacht.

Schließlich trifft er die mutigste Entscheidung seines jungen Lebens und unterwirft sich weder der Angst noch der Macht.

Der Autor erzählt Elliots Geschichte mit schonungsloser Eindringlichkeit, das Vakuum der Angst  und Selbstentfremdung, in dem sich Elliot befindet, betrifft uns als Leser unmittelbar, die Lektüre ist schmerzhaft-spannend und erschreckend intensiv.

 

Der Autor:

»Graham Gardner, wissenschaftlicher Autor und Forscher auf dem Gebiet Soziale und Politische Geografie an der University of Wales, Aberystwyth. Er ist außerdem leidenschaftlicher Musiker, spielt Rock und Klassik auf dem Klavier. Sein Debüt als Jugendbuchautor mit dem Roman Inventing Elliott (Im Schatten der Wächter) wurde von der Kritik in England begeistert gefeiert.«

 

 

 

 

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