Das Handbuch für Prinzessinnen

UNTER  UNS  PRINZESSINNEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Mädchenbuch ist nicht so rosa, wie es aussieht!

Die vier Freundinnen, die sich im  „Club der zartgrauen Prinzessinnen“ zusammenfinden, leben in bescheidenen Verhältnissen; aber mit Hilfe  eines geheimnisvollen  „Handbuches für Prinzessinnen“  machen sie gemeinsam, kreativ und mit würdevoller Tapferkeit das Beste aus ihren wenig bilderbuchmäßigen Lebensumständen. Es gibt keine Tennis- und Reitstunden oder gar Personal für die Prinzessinnen, und die magere Garderobe wird mit selbstgeschneiderten Sachen aus grauem Stoff ergänzt.

Anni, die Erzählerin der Geschichte, hat eine liebevolle Mutter, die im Rollstuhl sitzt; vom Vater gibt es nur einen Stapel alter Briefe. Missy lebt bei ihrem Vater, der einen Antiquariatsbuchladen führt; hier fehlt schmerzlich die Mutter, die in der kindlichen Fantasie zur englischen Landadeligen hochstilisiert wird. Im Gegensatz zum reduzierten Familienanhang ihrer Freundinnen verfügt Elina über eine fürsorgliche, russische Großfamilie, die das letzte Exemplar einer ausgestorbenen Rosensorte namens „Frostmond“  besitzt. Doch die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung durch den Verkauf der Rose ist sehr getrübt, da die Pflanze bedenklich kränkelt. Theresa ist wegen Liebeskummer von zu Hause ausgerissen und lebt vorübergehend bei ihrer Tante.

Bei dem „Handbuch für Prinzessinnen“ handelt es sich um acht, vergilbte, handbeschriebene Seiten, welche die Mädchen in einer Bücherkiste im Laden von Missys Vater gefunden haben: “Belle von W.:  Handbuch für Prinzessinnen, Shanghai 1942 bis Bremerhaven 1946 ,  Auflage 1 Stück, weltweit.“

Die teilweise strengen, selbstdisziplinierenden, aber auch lustigen und romantischen Regeln und Empfehlungen aus dem Handbuch verhelfen den Freundinnen zu einer reifen inneren Haltung und zu eleganten Umgangsformen (von seltenen Ausrutschern abgesehen).

Sehnlichst wünschen sich die Mädchen, einer vollständigen Ausgabe des „Handbuches  für Prinzessinnen“  habhaft zu werden; bis dahin ergänzen sie die sorgfältig  in einem Ordner abgehefteten Seiten um selbsterarbeitete, blaublütige Spielregeln. Diese Orientierungshilfe erleichtert den Freundinnen den Umgang mit der Plage der „Poloponys“, fünf hochnäsigen Mädchen aus reichen Elternhäusern, die sich stets harmonisch pastellbunt kleiden und im schulischen Klassenkampf ihre modische und soziale Scheinüberlegenheit gerne und mit Vorliebe an den „grauen Prinzessinnen“ auslassen.

Eines Wintertages beschließen die Prinzessinnen, ihre tägliche Teestunde mit selbstgebackenen „Höflingsbissen“  zu versüßen. Das dafür erforderliche Rosenwasser könnte für die Mädchen unbezahlbar sein, doch sie wollen einen Rat aus ihrem Handbuch ausprobieren, der nichts anderes ist, als eine elegant verpackte Bitte um Zahlungsaufschub. So kommt es beim freundlichen Apotheker aus der Nachbarschaft zu einer schicksalhaften Begegnung: eine ältere Dame, die vor den Mädchen bedient wird und Lavendelseife erwirbt, spricht, anstatt zu bezahlen, exakt den Text aus dem Handbuch:

Oh, so teuer mein Lieber? Ich bin es leider nicht gewohnt, so viel Bargeld mit mir herumzutragen. Ich war lange in einem Mädchenpensionat in der Schweiz, müssen Sie wissen. Dort galt es als gewöhnlich, mit Geld in der Tasche herumzulaufen… Wie dem auch sei … Meine Zofe wird  das Geld in den kommenden Tagen bringen!“

Die eifrigen Nachforschungen der Freundinnen führen – nach einigen Turbulenzen und Mißverständnissen – zu einer Einladung zum Tee bei der prinzessinnenverdächtigen Dame, die sich als einstige Verfasserin des Handbuches und als wirklich echte Prinzessin entpuppt. Die Freundinnen kommen in den Genuß des vollständigen  „Handbuches für Prinzessinnen“, und die Dame weiß auch wie „Frostmond“  behandelt werden muß, um – natürlich blaublütig – zu blühen. Nach und nach wenden sich alle Umstände und Beziehungen zum Besseren.

Die zärtliche Ironie, mit der Hilke Rosenboom ihre Figuren beschreibt, die dem Erzähltext eingefügten Passagen aus dem „Handbuch für Prinzessinnen“, die stets den passenden Kommentar oder die dringend benötigte Ermutigung zu  den laufenden Geschehnissen liefern, und die witzigen Ilustrationen von Franziska Harvey gestalten ein sehr originelles und unkonventionelles Mädchenbuch.

Besonders erwähnenswert ist eine im Buch aufgelistete Sammlung von Wortbausteinen für edle neunsilbige Flüche, die junge Leserinnen spielerisch anregt, ihren Wortschatz zu bereichern und mit eigenen neuen Wortkombinationen  zu ergänzen.

Die für alle Beteiligten glücklichen Fügungen und überraschenden Familienzusammenführungen am Ende der Geschichte, mögen vielleicht etwas märchenhaft sein, aber wünschenswert sind und bleiben sie auf jeden Fall.

Wem das nicht paßt, den verfluche ich „beim neureichen, lügenden Wangenkuss“ oder
„beim staubweichen, schnarchenden Himmelbett“ oder „beim prinzlichen, fusselnden  Pantoffel“. Für edle neunsilbige Gegenflüche kombinieren Sie sich bitte mit den Wortbausteinen auf den Seiten 58/59 selber etwas zurecht.

 

Die Autorin:

»Hil­ke Ro­sen­boom, wurde 1957 auf Juist geboren. Sie studierte in Kiel Linguistik und besuchte die Journalistenschule in Hamburg. 15 Jahre lang arbeitete sie als Reporterin beim »Stern«. Seit 1995 veröffentlichte sie als freie Publizistin viele Romane für Erwachsene und Kurzgeschichten für Kinder. Sie war verheiratet und lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg und Ostfriesland. Hilke Rosenboom starb im August 2008.«

 

Die Illustratorin:

»Franziska Harvey, wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Illustration und Kalligrafie und arbeitet heute als freiberufliche Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen«.

 

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