Firmin

  • von Sam Savage
  • Aus dem Amerikanischen von
  • Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol und
  • Hermann Gieselbusch mit Katrin Fieber
  • Ullstein Verlag 2006   http://www.ullstein.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 211 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-550-08742-4
  • Taschenbuch Oktober 2009 List Verlag   http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,95 €
  • ISBN 978-3-548-60921-8
  • leider sind beide Ausgaben inzwischen restlos vergriffen
    9783548609218_cover.jpg Frimin groß

NENNT  MICH  LESERATTE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein sehr belesenes Buch!

Die kleine Ratte, die auf den Papierfetzen von „Finneganns Wake“, das Licht der Welt bzw. das Flimmerlicht einer Neonröhre  im Keller einer Antiquariatsbuchhandlung erblickt –  das ist Firmin, der tierisch literarische Held des Romans von Sam Savage.

Wir schreiben die frühen sechziger Jahre, und die Buchhandlung befindet sich in einem heruntergekommenen Stadtteil, dem Scollay Square in Boston.

Firmin ist etwas zarter besaitet als seine zwölf Geschwister und bekommt zu wenig Rattenmuttermilch. Der Hunger treibt ihn dazu, Bücher anzunagen, und nach einiger Zeit entdeckt Firmin bei dieser Bücherdiät, daß er lesen kann.

Während seine Geschwister und seine Mutter das Nest verlassen, richtet sich Firmin, wissenshungrig und neugierig, in der Zwischendecke der Buchhandlung ein, beobachtet das Geschäftsleben, lernt die Stammkunden kennen, lauscht den Gesprächen der Menschen und verfolgt in der Zeitung die Pläne der Stadtverwaltung, den Scollay Square komplett abzureißen.

„Dieser Spalt in der Decke in Form eines C wurde einer meiner Lieblingsplätze. Er diente mir als Fenster zur Menschenwelt, mein erstes Fenster. Es glich einem Buch – man konnte dadurch in Welten schauen, die nicht die eigene waren.“ (Seite 49)

Firmin entwickelt eine leider gänzlich unerwidert bleibende Anhänglichkeit an den Ladenbesitzer Norman. Außerdem hofft er auf eine Seelenverwandtschaft mit Jerry, einem erfolglosen Schriftsteller, der in einer Wohnung im gleichen Haus lebt und der einen Roman über außerirdische und hochzivilisierte Ratten geschrieben hat.

Durch ausgiebige Lektüre und heimliche nächtliche Kinobesuche bildet sich Firmin weiter: „Mein Verstand wurde schärfer als meine Zähne.“ In seinen Tagträumen bewegt er sich auf Augenhöhe zwischen Charakteren aus den Klassikern der Weltliteratur und führt geistreiche Gespräche.

Firmin lebt ein einsames Leben, er ist der unbeobachtete Beobachter und der absolute Außenseiter. Seinen Artgenossen ist er zu humanistisch, und Menschen sehen nur ein Tier –  ja sogar Ungeziefer –  in ihm. Die Unmöglichkeit einer „zwischenmenschlichen“ Begegnung wird leidensgekrönt durch seine unglückliche Verliebtheit in Ginger Rogers:

Unerwiderte Liebe ist schlimm genug, aber unerwiderbare Liebe kann einen richtig fertig machen. Ich aß dann zwei Tage nichts. Ich las Byron. Ich las „Sturmhöhe“. Ich nannte mich Heathcliff. Ich lag auf dem Rücken. Ich betrachtete meine Zehen. Anschließend stürzte ich mich voller Energie in die Arbeit. Ich wurde Jay Gatsby. Ich war nicht unterzukriegen. Ich ging weiter meinen Geschäften nach. Äußerlich blieb ich der nette Typ, wer ahnte schon, dass sich in meiner Brust ein gebrochenes Herz verbarg?“  (Seite 83)

Firmins geistige Größe steht im krassen Gegensatz zu seiner wortwörtlichen Sprachlosigkeit, doch er sucht tapfer nach einer Möglichkeit, die Sprachbarriere zu überwinden. Schließlich kommt er auf die Idee, sich der Taubstummenzeichensprache zu bedienen, ein entsprechendes Handbuch hat die Buchhandlung auf Lager. Nach komplizierten Proben, in denen er unter Ganzkörpereinsatz eine menschliche Hand darzustellen versucht, reichen seine Fähigkeiten jedoch nur für zwei leserliche Zeichen: „Auf Wiedersehen“ und „Reißverschluß“.

Dieser verzweifelte Kontaktversuch geht ziemlich schief, aber Jerry findet den verletzten Firmin und adoptiert ihn als Haustier. So kommt die Leseratte zu geregeltem Frühstück mit Kaffee, zu abendlichem Rotwein und ungestörtem Lektüregenuß – nur zum ersehnten Gespräch kommt es nie. Alle Gedanken, klugen Antworten und kultivierten Bonmots bleiben verborgen in Firmins Kopf. So müssen auch wir Leser davon ausgehen, daß Firmin seine uns vorliegende Biographie eigentlich nur in Gedanken schreibt.

Die Lebensgeschichte Firmins wird wortgewandt, melancholisch und selbstironisch erzählt, und es wimmelt von literarischen Anspielungen, die eine nicht unbeträchtliche Belesenheit voraussetzen.

Ich bin sehr begeistert vom kleinen, großen Firmin!

 

Der Autor:

»SAM SAVAGE wurde in South Carolina geboren und lebt heute in Madison, Wisconsin. Er promovierte in Philosophie, unterrrichtete auch kurzfristig, arbeitete als Tischler, Fischer, Drucker und reparierte Fahrräder. FIRMIN ist sein erster Roman.«

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5 Kommentare zu “Firmin

  1. Aaah. Das ist MEIN Buch. 🙂 Eine so liebevoll-feinfühlige und gleichzeitig schräge Geschichte. Sonnenklar, dass der Bücherfeenstaub seine Wirkung nicht verfehlt. Klar, dass ich das Buch in meiner Unbildung nicht kannte. Auch klar, dass die deutschen Ausgaben bereits vergriffen sind. Nicht ganz so klar aber schön, dass es eine englische Ausgabe gibt.
    Erstaunlich, dass eine so schöne Leserattengeschichte von einem Autor stammt, in dessen Sprache es die Leseratte gar nicht gibt. Da würde ich jetzt doch zu gerne wissen, wie er auf diese Idee gekommen ist.

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    • Ich habe das Buch doppelt. Wenn Du magst, kann ich Dir gerne meine deutsche Taschenbuchausgabe abgeben… Eine Schande, daß sich dieses Buch nicht so richtig auf dem stromlinienförmigen, deutschen Buchmarkt durchsetzen konnte.
      Ich habe es oft und gerne empfohlen und verkauft sowie mehrfach im Freundeskreise verschenkt.
      Wie der Autor auf die Idee gekommen ist, weiß ich nicht. Vielleicht über die AllesfresserMENTALität der Rattengattung 😉 .

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      • Herzlichen Dank für dein liebenswürdiges Angebot. Ich komme gerne darauf zurück und werde mich diesbezüglich e-postalisch melden. 🙂
        Für mich aus der reinen Leseeselperspektive ist der Buchmarkt ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln.
        Die Idee ist nicht abwegig – vielleicht hat Sam Savage schlichtweg den Ursprung des deutschen Wortes Leseratte ’nacherfunden‘.

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      • So machen wir das – hinter den Blogkulissen 😉 .
        Meiner Meinung nach ist der Buchmarkt inzwischen viel zu konzernkonzentriert und dadurch eintöniger.
        Gleichzeitig gibt es zwar noch viele kleine, wertvolle und individulle Verlage, die jedoch in den großen Buchhandelsketten keine oder kaum eine Bühne bekommen.
        Diese Bestseller-MONOKULTUR ist – von gelegentlichen Ausnahmeerscheinungen abgesehen – einfach öde.

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      • Genau. Im Büchermarkt läuft ja ohnehin auch allerhand hinter den Kulissen.
        Auch als Branchenoutsider habe ich nach und nach das erschreckende Ausmaß der Konzentration im Buchmarkt mitbekommen. Und zwar sowohl im Verlagswesen wie auch im Handel. Manches ist einem zunächst gar nicht aufgefallen, weil die bekannten Namen (zumindest teil- und zeitweise) beibehalten wurden. Ganz ähnliche Dinge sind auch im Musikbereich abgegangen. Die Artenvielfalt leidet eindeutig darunter – die Wüste wächst…
        Bereichernd kann sich die Tatsache auswirken, dass das Internet (vor allem natürlich das E-Buch) neue Nischen bietet. Autoren können ihre Texte sogar selber publizieren. Da können neue Blüten wachsen. Das hat aber für Autoren und Leser einige gewichtige Nachteile. Für Autoren ist ein gutes Lektorat ja ein ganz großer Vorteil. Und die Leserschaft kauft bei E-Buch Eigenpublikationen die Katze im Sack. Sowohl der Qualitätsfilter eines guten Verlags als auch die buchhändlerische Beratung bleiben da auf der Strecke.
        [Dies nur einige Gedanken aus Leserperspektive.]

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